Veranstaltungskalender

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Gottesdienste

In Abstimmung mit den Kirchenvorständen werden bis Ende August keine Gottesdienste in unseren Kirchen stattfinden.

Es gibt wechselnde Angebot unter freiem Himmel oder per Video

Kirche im Chattengau              

 

Videoandachten der Ev. Kirche  (Videoandacht)

Telefongottesdienste unter 05624-9959784 oder 0561-9378380

Wöchentlicher Predigtimpuls

Gottesdienst To Go auch zum Mitnehmen vor jeder Kirche.

 

 

Das Schwere leicht machen

Liebe Leserinnen und Leser

„Achtung ab hier Maskenpflicht!“ – Ausrufezeichen! Zwischen Angst und Aufmerksamkeit sind wir -Corona sei Dank – aktuell von allerlei Vorschriften, Einschränkungen und Ausrufen umgeben. Achtung!          

Als wäre das nicht schon genug, legt der Abschnitt aus dem Römerbrief Kapitel 12 für den 4. Sonntag nach Trinitatis noch einen Satz von Regeln oben drauf. Da kommt Freude auf:

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann !

18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Tu dies. Tu das. Wer mag das schon gern hören, erst recht nicht in einer Zeit, wo gerade der Sommer auf Fahrt geht und mit ihm eine gewisse Lust auf Unbeschwertheit. Was denn noch alles?

Was sollen wir denn noch alles tun? Bin ich geneigt den Apostel Paulus zu fragen.

Jede Menge Ausrufezeichen. Regeln. Gebote. Verbote! Die Menge der Vorschriften geht mit einer wachsenden Abwehrhaltung einher. Zum rechten Ohr rein und zum linken wieder raus.

Wie damals als Kinder, wenn die Eltern genervt haben: Räum dein Zimmer auf! Sitz gerade beim Essen! Erinnern Sie sich ? Irgendwann hat man einfach nicht mehr zugehört. Die Tür zugemacht und leise gedacht: Rede du nur, ich mache doch, was ich will!

Aber zum Glück sind wir ein bisschen weise geworden. Als Erwachsene haben wir gelernt, den Rat des Apostels zu schätzen: „Seid auf Gutes bedacht!“ Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will? Doch die Unruhe steigert sich beim Weiterlesen: „… so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden!“

Auch das ein Appell für den Wind. Das habe ich schon damals gemerkt, als ich meinem Bruder die Schuhbürste vor Wut an den Kopf geschleudert habe. Irgendetwas war vorausgegangen, was schief gelaufen war und mich ziemlich wütend werden ließ. Auch wenn mir im Nachhinein nicht mehr ganz klar ist, wie es zum Streit gekommen war – mit dem Frieden halten, war das jedenfalls so ein Ding. Völlig utopisch. Zum Glück ist das lange her – und gut ausgegangen. Heute verstehen wir uns prächtig.  

Was aber ist mit den Konflikten, die sich nicht von selbst erledigen ? Wenn die Kontakte abbrechen; wenn man nicht mehr miteinander spricht; wenn der Partner nur noch über den Anwalt kommunizieren möchte; wenn aus Liebe Hass wird? „Wie kann das sein, dass Liebe und Hass so dicht beieinander liegen“, fragen wir dann. Die deutsche Sprache hat für diesen Zustand sogar ein eigenes Wort: „Hassliebe“, als ob beides zusammengehört! Also kommt das offenbar mehr vor, als uns lieb ist!

Ähnlich dem ersten Schritt, den es braucht, wenn das Unmögliche gelöst und das Schwere leicht werden will, setzen die Ratschläge des Paulus an den harten Fronten an; da wo wir angefangen haben, Mauern hochzuziehen, weil nichts mehr geht. Wohlwissend: Mit Freundlichkeit kommst du weiter.

Aber was nützt alle Freundlichkeit, wenn uns nichts als Hass von der anderen Seite entgegen schlägt ?

Ich sehe sie vor mir damals, die Sklaven und die Bürger in Rom, wie sie mit den Schultern zucken.

Natürlich sind sie als Christen um Frieden bemüht! Dennoch bekommen sie mit den aneinandergereihten Appellen des Paulus eine dicke Kröte zu schlucken. Wissen und erleben sie doch gerade, wie sie dem Zorn und der Willkür des römischen Kaisers ohnmächtig ausgeliefert sind. Sie werden grausam verfolgt. Blanker Hass schlägt ihnen entgegen. Die Situation spitzt sich zu.

Für sie geht es um mehr als Streitschlichtung und Frieden. Hier geht es um Leib und Leben.

Wozu also weiter auf Gutes bedacht sein, wenn der Hass nicht aufhört?

„Rächt euch nicht selbst, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum“, lenkt die Antwort des Paulus den Schritt in die richtige Richtung. Die Strafe Gott überlassen.

Mit dem nächsten Rat setzt Paulus eins drauf: „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“

Die Redewendung geht auf ein jüdisches Bußritual zurück, bei dem man eine Schale mit glühenden Kohlen auf dem Kopf trägt. Damit ist man auf den Markplatz gegangen. Das war natürlich brennend heiß, und kaum auszuhalten; zeigte aber, dass man ernsthaft bereut, was passiert ist; dass man bereit war, den eingeschlagenen Weg hinter sich zu lassen. Es war ein klares Signal an die Adresse dessen, mit dem man im Streit lag: „Du, ich kehre jetzt um. Der eingeschlagene Weg, war kein guter.“

Die Idee dahinter ist:

Wenn du einen Feind hast und ihm Gutes tust, dann ermöglichst du ihm einen Schritt, den er nicht gehen kann. Du ermöglichst ihm, dass er umkehrt. Das Besondere dabei ist: Das ist tatsächlich etwas, was du tun kannst! In dem du deinem ärgsten Feind Gutes tust, kann sich das Blatt wenden; das Schwere wird leicht.

Es wird leicht, weil Gott selbst ein Auge geworfen hat auf die Feindschaften, die nicht zu überwinden sind. Denn als Gott gesehen hat, was in der Menschheit passiert, wenn Liebe in Hass umschlägt, hat er nicht – wie Eltern bei einem Geschwisterstreit - einfach gesagt: „Na, die vertragen sich schon irgendwann wieder.“ Gott hat ganz real gesehen, es gibt Kluften zwischen Menschen, die sind kaum zu überwinden. Für ihn war klar: Allen noch so gut gemeinten Versuchen zum Trotz kann sich das nur durch die Liebe eines Gehassten ins Gute wenden. Also hat Gott sich auf den Weg gemacht. In Jesus, seinem Sohn, hat er der Welt gezeigt, wie sich Hass in Liebe kehrt. Jesus selbst hat umgesetzt, was Paulus seiner leidgeprüften Gemeinde nahelegt: Er hat das Böse mit Gutem überwunden.

Jesus gab alles, um mit allen Menschen in Frieden zu sein – am Ende sogar sein eigenes Leben.

Statt selbst Rache zu üben, hat er den Hass und alle Gründe der Rache selbst auf sich genommen.

Die zerbrochenen Beziehungen der Menschheit hat er getragen. Als Judas ihn verriet, ließ er sich von ihm küssen und leistete keinen Widerstand. Als Jesus am Kreuz hing, hatte er nicht sein eigenes Leid vor Augen, sondern deinen und meinen Schmerz. Als seine Augen erloschen und sein Herz aufhörte zu schlagen, da nahm er alles, was uns durch Kränkung und Versagen zu Feinden macht mit in den Tod.

Als Jesus auferstand, da ist all das – dein Leid, dein Zorn, deine Wut, deine Schuld – vergangen; nicht vergessen, aber vergangen – im Tode versenkt.

Und jetzt ?

Sitzen wir immer noch wie damals als Kinder da und warten grimmig darauf, dass der Bruder zurückkommt und um Entschuldigung bittet? Manchmal bleibt die erhoffte Entschuldigung aus.

Dann ist es heilsam und gut auf das Kreuz Jesu zu schauen. Da gehörst du hin, wenn dir das Leben etwas schuldet, an Zuneigung; wenn die Last und die Schwere der Vergangenheit auf den Schultern drückt – oder du die Welt nicht mehr verstehst. Da gehörst du hin. Das Kreuz ist der Ort, an den Jesus dir vorausgegangen ist, um das Schwere leicht zu machen. Dort hin trug Jesus deine Last, deine Schwäche, deine Unfähigkeit zu vergeben.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, schreibt Paulus. Jesus hat das Böse überwunden und dir das Gute gegeben. „Komm her, mein Kind“, spricht er. Es ist ganz einfach: „gib deinem Bruder die Liebe weiter, die ich dir geschenkt habe. Lass mir den Hass. Nimm du die Liebe.“ So fängt er an, der Friede. Das kann ich tun. Dieser Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Ihre Margarete Deist, Pfarrerin