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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5.7.2020

Gottesdienst zum Lied 92 aus dem EGplus „Amacing Grace“, 5.7.2020, von Pfarrerin Birgit Nocht aus Lohne.

An diesem Sonntag haben wir einen Kanzeltausch verabredet und Pfarrerin Nocht predigt in unseren Gemeinden.

 

Mit herzlichen Grüßen Ihrer Kirchengemeinde, Ihr Pfr. B.Loose.

 Gottesdienst zum Lied 92 aus dem EGplus „Amacing Grace“, 5.7.2020, von Pfarrerin Birgit Nocht aus Lohne.

 

 

Liebe Gemeinde! Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Ja, die Gnade! Sie ist nicht hoch genug zu loben. Von ihrer Wortbedeutung her hat sie mit Ruhe zu tun: innerlich ruhig werden, einen Ausgleich finden, Frieden mit sich, mit der Welt und Gott finden. Das ist das Ziel der Gnade. Und bis dahin bewirkt sie etwas. Die Gnade arbeitet an uns Menschen.

So wie damals bei John Newton, dem wir das berühmte Lied „Amazing grace„ verdanken:.

John Newton wird 1725 in London geboren. Die ersten Jahre wächst er behütet auf. Seine Mutter kümmert sich um ihn und vermittelt ihm Gottvertrauen.

Aber dann stirbt sie, als er gerade mal sechs Jahre alt ist. Es beginnt eine unruhige Zeit für ihn. Er wird hin und her gestoßen. Der Vater ist Kapitän und meistens nicht da. Mit der Stiefmutter kommt er nicht zurecht. Der Junge wird auf ein Internat geschickt. Dann soll er so wie sein Vater zur See fahren. Ob er das selbst überhaupt will? Es scheint nicht so. Denn er wird dadurch von seiner großen Liebe getrennt. Aber er muss Seemann werden. Ab da verläuft sein Leben nicht mehr nur unruhig, sondern wird turbulent. John Newton gerät in schlechte Gesellschaft. Er verroht, wird gehässig und brutal. Für Gott hat er nur Spott übrig. Auf unterschiedlichen Schiffen ist er unterwegs; eine Krise folgt auf die nächste.

Und dann kommt– da ist er 23 Jahre alt – auch noch ein Sturm auf hoher See: Das Unwetter ist so heftig, dass vieles über Bord gespült wird, auch ein großer Teil der Vorräte. Die Besatzung ist in höchster Not. Da blitzt in John Newton eine Erinnerung auf, an den gnädigen Gott, von dem seine Mutter ihm erzählt hatte. Ihn fleht er um Hilfe an: „Herr, hab Erbarmen mit uns!“, schreit er in den Sturm hinein. Sie werden gerettet und erreichen schließlich die Küste. Diesen Tag, den 10. Mai 1748, hat John Newton später immer als den Tag seiner Bekehrung angesehen. Er findet zum Glauben zurück, findet Seelenruhe bei Gott.

Jetzt wo er innerlich Halt gefunden hat, ändert sich auch sein Verhalten. Das wirkt sich aus. Beruflich steigt er auf und wird sogar Kapitän. Und – o happy end – er heiratet seine Jugendliebe. Hier könnte die Geschichte zu Ende sein.

Gottes Gnade wirkt aber weiter an ihm. Nach wie vor arbeitet er auf Sklavenschiffen. Der Handel mit Sklaven war damals ein großer Wirtschaftszweig. Aus unserer heutigen Sicht grauenhaft und unmenschlich, aber damals völlig legal. Allmählich geht John Newton ein Licht auf. Gott, der ihm aus Gnade das Leben gerettet hat, ist nicht nur für ihn da, sondern für alle Menschen.

Er wird zu einem entschiedenen Gegner der Sklaverei. Jahrelang hatte es ihm nichts ausgemacht – im Gegenteil: er hatte ja mitgemacht. Aber jetzt erträgt er es nicht mehr, wie die Sklaven und Sklavinnen behandelt werden. Auf den Schiffen liegen sie auf dem blanken Boden, an Händen und Füßen angekettet. Nach damaligem Recht stehen einem Sklaven 40cm zu. Aber um mehr Profit zu machen, um – in Anführungszeichen gesagt – ein Sklavenschiff optimal auszunutzen, sind es meist nur 25 cm.

Dass es damit und mit der ganzen Sklaverei ein Ende hat, dafür kämpft John Newton jetzt. Er orientiert sich auch beruflich neu und wird anglikanischer Priester. In seinem Dienst predigt er von Gottes Gnade und gegen den Sklavenhandel. Dabei tut er sich mit anderen, besonders mit Politikern wie William Wilberforce, zusammen. Er und seine Mitstreiter ernten oft genug Spott, weil sie sich so ausdauernd und leidenschaftlich einsetzen. Aber sie halten durch.

Die Gnade Gottes, die für John Newton Seelenruhe gebracht hat, macht ihn in einem guten Sinne unruhig und engagiert – für andere. Kurz bevor er 1807 in London stirbt, erlebt er noch, dass im Unterhaus ein erstes Gesetz gegen den Sklavenhandel verabschiedet wird. Allerdings dauert es bis 1880, erst dann gilt die Sklaverei als abgeschafft.

John Newton hat sein Lied von der wunderbaren Gnade Gottes 1772 geschrieben und seine Lebensgeschichte mit einbezogen: I once was lost, but now I am found, was blind, but now I see: Ich war vollkommen verloren. Und ich bin gefunden. War blind. Aber jetzt sehe ich.

Bekehrung, Umkehr zu Gott geschieht manchmal an einem bestimmten Tag und zu einer gewissen Stunde, aber damit ist es nicht getan. Die Gnade arbeitet weiter an uns. So war es bei John Newton und vielen anderen Männern und Frauen unserer Glaubensgeschichte.

So möge es auch bei uns sein. Und hier wird es besonders spannend. Wohin hat Gottes Gnade uns schon geführt? Wo lässt sie uns in einem guten Sinne nicht zur Ruhe kommen? Wie wirkt sie an uns und öffnet uns die Augen – in großen und in kleinen Zusammenhängen? Wir sind gefragt.

Ich merke, die Beschreibung dessen, was den Sklaven damals auf See angetan wurde, ruft so manche Bilder von heute in mir wach.

Wenn ich an das Elend von damals denke, dann kann ich nicht einfach sagen: „Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind.“, sondern sehe vor meinem inneren Auge die Schrecken der Gegenwart: Menschen, die in kleinen Booten zusammengepfercht über das Mittelmeer treiben – und wenn sie es überleben, dann zunächst für längere Zeit in Flüchtlingslagern.

Ich denke an die moderne Sklaverei, wo Menschen zur Prostitution gezwungen oder in einer Art Leibeigenschaft gehalten werden.

Bilder des Elends und des Schreckens: Es gibt so viele davon, mehr als ich hier aufzählen kann.

Manches ist illegal, wird aber einfach geduldet.

Einiges ist legal, aber dadurch nicht automatisch in Ordnung.

Unsere Gesetze sind meist gut durchdacht und begründet, aber leider nicht immer. In etlichen Belangen sind wir blind, erkennen noch nicht so richtig, wo unsere Gesellschaft zu gleichgültig ist und das System, in dem wir leben, grausam. Vielleicht kommen wir darüber ins Gespräch.

Ich hoffe auf Gottes wunderbare Gnade und bitte mit den Worten der Bibel:

Gott, wir wollen uns an deiner Gnade genug sein lassen. Deine Kraft sei in uns Schwachen mächtig. (2. Kor 12.9) Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Zur Musik vom Band:

„Amazing grace“ ist zu einem musikalischen Denkmal für John Newton und sein Glaubenszeugnis geworden. Das lasse ich in einer Zeit, wo manches Denkmal wackelt und kritisch neu eingeordnet werden muss, gerne gelten.

Jetzt hören wir die ersten drei Strophen des Liedes mit seiner getragenen Melodie. Sie kommt mit wenigen Tönen aus und hat etwas Wiegendes. Ja, in Gottes Gnade können wir zur Ruhe kommen und geborgen sein wie ein Kind – und Kräfte sammeln, um etwas davon weiterzugeben.

Der Liedtext:

Amazing grace, how sweet the sound,

That saved a wretch like me!

I once was lost, but now I am found,

Was blind, but now I see.

’t was grace that taught my heart to fear,

And grace my fears relieved;

How precious did that grace appear,

The hour I first believed!

Through many dangers, toils and snares,

I have already come;

’t was grace that brought me safe thus far,

And grace will lead me home.

gereimte Übertragung von Annegret und Walter Klaiber:

O Glück der Gnade! Gottes Hand
und Augen suchten mich.
Ich war verlorn, bis er mich fand,
war blind, jetzt sehe ich.

Die Gnade hat mich Furcht gelehrt
und doch von Furcht befreit;
bin voll Vertrauen heimgekehrt
zu Gott aus Angst und Leid.

Durch viel Gefahr, durch Not und Nacht
gab er mir das Geleit,
hat sicher mich hierher gebracht,
führt mich ans Ziel der Zeit.

Vergleiche EGplus 92